Reisetagebuch
Hi! Diesen Text möchte ich nicht ohne ein Vorwort mit Dir teilen. Bisher habe ich nicht von meinen Reisen geschrieben, weil ich mich immer schwer damit getan habe, einen Mehrwert darin zu finden. Zwar bin ich immer auf eine Weise „Touristin“ in Kenia, aber noch so viel unwissender, wenn ich neue Orte besuche. Kennen wir nicht genug touristische Perspektiven auf Länder des Globalen Südens? (À la: „Die Natur ist so schön“, „Der Lebensstil inspiriert mich“, „Was ein Abenteuer“)
Ich denke, ja, und dass Du tiefgründiger über Kenia lernen kannst, wenn Du Texte von Menschen liest, die hier leb(t)en.
Gleichzeitig weiß ich, dass Du diesen Blog vielleicht liest, weil Dich genau das interessiert: meine (touristische) Perspektive. Deshalb habe ich mich entschieden, einige meiner Erinnerungen und Reflexionen, die ich durch Reisen gemacht habe, in diesem Text zu sammeln. Dabei versuche ich, möglichst wenig „oft Gesagtes“ zu reproduzieren, und kann dennoch nicht vermeiden, dass meine Wahrnehmung kulturell gefärbt und manchmal oberflächlich bleibt.
Die Busfahrt von Nairobi nach Kisumu führt sieben Stunden durch das Great Rift Valley (den „Großen Afrikanischen Grabenbruch“), vorbei an Mount Longonot, Lake Naivasha, den Teeplantagen in Kericho County. Ich erinnere mich noch, wie aufregend es sich bei dieser ersten Reise im April anfühlte, das Hochland, auf dem Nairobi liegt, zu verlassen, und, dass mir während der Fahrt immer wärmer wurde: Erst zog ich meinen Pulli aus, dann die geschlossenen Schuhe und Socken.
Aus dem Busfenster:

Als S. und ich abends in Kisumu ankamen, hing die Sonne rot am Horizont. Wir beeilten uns, um es vor der Dunkelheit noch einmal zum Supermarkt zu schaffen, denn es sollte Spaghetti mit Tomatensoße und Sossi (Soja-Fleisch) geben. Unsere Unterkunft war ein Airbnb in einem größeren Wohnkomplex nah an der Innenstadt. Falls Du Airbnb aus Europa kennst, musst Du es Dir in Kenia nicht anders vorstellen: Die Wohnungen sind meist renoviert, modern, mit Fernsehern, Mikrowellen und (oft sogar) Waschmaschinen ausgestattet. Das ist zwar ungemein praktisch für Tourist:innen, die sich selbst versorgen möchten. Aber gleichzeitig kritisch, wie ich finde, weil durch die Kurzzeitvermietung von Airbnb's weniger (bezahlbarer) Wohnraum für Anwohner:innen zur Verfügung steht.
In der Nähe unseres Airbnb's in Kisumu
An einem unserer Urlaubstage entschieden S. und ich, den Kit Mikayi, eine Felsformation westlich der Stadt, zu besuchen. Kit Mikayi war auf Maps als Sehenswürdigkeit markiert und es kam mir in meinem Reisefieber gar nicht in den Sinn, vor unserem Besuch Genaueres zu recherchieren. Wir fuhren erst einige Zeit mit dem Bus in die Nähe des Pins auf unseren Handys und spazierten den Rest des Weges an einem Waldrand entlang. Am Eingang des Kit Mikayi bezahlten wir jeweils 1000ksh (ca. 7€) Eintritt an das Kisumu County Government und wurden anschließend von unserem Guide hoch auf die Rückseite der Felsen geleitet, von der die umliegende Landschaft bis zum Victoriasee überblickt werden kann. „Kit Mikayi“ bedeute auf Dholuo „Stein der ersten Ehefrau“ und sei seit Generationen ein heiliger Gebetsort der Luo, erzählte er uns während dem Aufstieg. Wir kamen an Menschen vorbei, die im Inneren des Felsens miteinander sangen und beteten und sahen rotes Kerzenwachs, das an anderen Stellen an vorhergegangene Gottesdienste erinnerte.
Plötzlich fühlte es sich für mich falsch an, diesen Ort zu betreten, ohne eine tiefere (spirituelle) Verbindung zu ihm zu haben. Seit 2019 gehört Kit Mikayi zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO und ist somit kein unbekannter Ausflugsort für Tourist:innen. Das weiß ich, und auch, dass der Tourismus für die Guides eine wichtige Einnahmequelle ist: Sie werden nicht vom County Government bezahlt, sondern sind auf Spenden der Besucher:innen angewiesen. Trotzdem spürte ich eine Art Scham darüber, dass ich in der Annahme gekommen war, es sei ganz selbstverständlich, als Touristin jeden hübschen Ort der Karte besichtigen zu dürfen. Ich möchte mich mehr fragen, welche Bedeutung ein Ort für die Menschen hat, die an/um ihn leben. Was es für sie bedeutet, wenn ich diesen Ort besuche, und, wie ich Respekt und Würde wahre, wenn ich mich für einen Besuch entscheide.
Ausblick vom Kit Mikayi
Nach meinen Tagen in Kisumu mit meiner Reisegefährtin S. bin ich (mit Ausnahme eines Wochenendes in Naivasha) immer zu Freund:innen oder anderen weltwärts-Entsandten gereist.
Zufälligerweise hat mein Schulfreund M. bis Ende August ebenfalls einen Freiwilligendienst in Kenia gemacht, und ich hatte das Glück, ihn zweimal bei seiner Gastfamilie auf Rusinga Island besuchen zu dürfen. Das erste Mal kam ich mit S. aus Kisumu, fuhr mit mehreren Bussen bis zum Hafen Luanda K'Otieno und schließlich mit einer Fähre über den Victoriasee nach Mbita. Ich erinnere mich, dass eine meiner Sitznachbarinnen im Bus ihre Müsli-Mischung mit mir teilte, während wir uns der Küste näherten und ich vergeblich versuchte, meine Fotos durch die Scheibe nicht zu verwackeln. Auf der Fährüberfahrt unterhielt ich mich mit zwei Damen über „Gastfreundlichkeit”: die laute, offene, einladende Art und ihre reserviert-höfliche Schwester. Ich glaube, sie beide können zutiefst ehrlich gemeint sein. Und dennoch verstehe ich, warum DE von manchen nicht-deutschen Reisenden, mit denen ich gesprochen habe, als sozial-kälter und distanzierter empfunden wird.
Angekommen in Mbita blieben S. und ich zunächst verdattert am Hafen stehen, orientierungslos, bis uns eine Frau mit einer kleinen Tochter unter ihre Fittiche nahm. Sie zeigte uns, wo wir Wassermelonen als Gastgeschenk für M.'s Familie kaufen konnten, und ließ uns erst allein, als wir für die Reststrecke nach Rusinga mit unseren Taschen, Rucksäcken und Wassermelonen beladen auf der Sitzbank eines Motorrads klemmten. (Es ist in vielen Regionen Kenias sehr typisch, mit Motorrad-Taxis, die bodabodas heißen, innerhalb einer Stadt von A nach B zu kommen. Es ist nicht gut, wenn meine Mama das liest. Aber, let me tell you, es macht unglaublich Spaß!)
Die Brücke, die Mbita mit Rusinga Island verbindet
Das (bisher) letzte Mal, dass ich mir frei nahm, war im September, um drei Freundinnen an unterschiedlichen Orten in Kenia zu besuchen. Die Woche war so bewegend und (emotional) turbulent, dass ich eher geschafft wieder nachhause kam. Gleichzeitig fühlte es sich besonders an, in kurzer Zeit so weit gereist zu sein. Als würden die verschiedenen Bilder ineinanderfließen:
Zwiebeln und Tomaten, die ich immer und immer kleiner schneiden wollte („Perfektionichtigkeit”, sagt J.) mit einem wasserlosen Lake Magadi, einem See aus Salz.
In Entasopia bin ich fasziniert von den vielen kleinen Flüssen, die die Landschaft durchziehen. In den Kilungu Hills verlaufen sie senkrecht: Regentropfen, die sich aus dem wolkenverhangenen Himmel lösen, schneller, als ich die Wäscheleine erreiche.
Entasopia
Kilungu Hills
~
Zum Abschluss dieses Textes möchte ich kurz Bezug auf ein Thema nehmen, das seinen eigenen Text verdient hätte. Schon im August haben kenianische Nachrichtenkanäle wie CitizenTV begonnen, vor der zweiten Regenzeit des Jahres (Oktober-Dezember) zu warnen. Durch den diesjährigen El Niño UND den menschengemachten Klimawandel, die in der Atmosphäre gemeinsam wirken, sollen die kommenden Regen noch stärker werden, als die vergangenen. Das macht vielen Menschen, inkl. mir, große Sorge: Zwar bin ich „abgeschirmt“ und in meinem Zuhause in Ngong nicht direkt gefährdet, aber das gilt nicht für die Menschen, die in Slums um Nairobi leben; nicht für die Menschen in Entasopia, wenn ihre Flüsse zu Sturzfluten werden.
Dahinter stehen auch politische Entscheidungen in Deutschland – bspw. gegen Klimaschutz.
Was „wir“ (Menschen in DE, Europa, dem Globalen Norden) entscheiden, hat Auswirkungen auf alle anderen Regionen der Welt.
Und, ich finde, das ist ein passendes Schlusswort – denn es ist eine der wichtigsten Lektionen, die mich das Reisen gelehrt hat.
Ich hoffe, dass dieser Text einige Gedanken anstoßen konnte, und bin Dir – wie immer – sehr dankbar, dass Du mitgelesen hast!
In den letzten neun Monaten, die ich diesen Blog schon führe, hat mir das Schreiben viel über mich selbst beigebracht. Was mir wichtig genug vorkommt, um davon zu erzählen – wie ich erzählen möchte – welche Sätze fließen, und an welchen ich eine Weile feilen muss. Ich möchte immer etwas aussagen UND „nebenbei“ persönliche Erinnerungen festhalten. Das ist gar nicht so einfach! Und trotzdem eine gute Übung darin, rote Fäden zu finden, fallen zu lassen, wieder aufzunehmen.
Ich freue mich immer über Feedback, Kritik oder Nachfragen – wenn Du meine Nummer nicht hast, kannst Du mich dafür hier erreichen.
🎈 Bis bald!

