Was ist „normal”?
Während S. ihre zwei Reisetaschen stopft und sie abwechselnd zum Gewichtvergleich anhebt, sitze ich neben ihr auf der Bettkante und frage sie über ihre Gefühle und das vergangene Jahr aus. „Wie ist das, zu wissen, dass Du nur noch eine Nacht hier schläfst?” S. zieht in und rüttelt an den strapazierten Reißverschlüssen einer Tasche und auf einmal sehe ich mich in ihr: Fünf Monate von heute, im Begriff, mich von meinen lieb gewonnenen Menschen und den Orten zu verabschieden, an denen ich in ein neues Selbst wachsen durfte.
Ich wünsche jedem (jungen) Menschen die Chance auf eine so prägende Auslandserfahrung. Beginnend mit der Entscheidung, einen Freiwilligendienst zu machen, wie einem Samen, der in gedeihliche Erde gepflanzt zu einem ganzen Baum mit Wurzeln, Stamm, Ästen, Blüten und Früchten heranwächst. Ein Mangobaum im Gemüsegarten meiner Gedanken. Ich schmunzele noch über S. Erzählungen und muss zugleich an die Bilder und Ideen denken, die Kenia mir bisher geschenkt hat. Sie legen sich um meine deutschen Selbstverständlichkeiten wie die dünnen Ärmchen einer Passionsfrucht. Ich glaube, das ist es, was ich am dringendsten mit nachhause bringen muss:
Solange eine nur ihre eigene Kultur kennt, fühlt sich diese für sie wie „das Normale” an, abgegrenzt von allem Anderen, das ihr fremd und häufig etwas suspekt ist. Deshalb erleben viele Menschen, die ihr gewohntes kulturelles Umfeld verlassen, zunächst einen Kulturschock: ein (oft anstrengendes, manchmal länger anhaltendes) Gefühl der Überraschung, das mit einem inneren Widerstand gegenüber der neuen Kultur verbunden sein kann. Eine kenianische Freundin (J.), die einmal die Wintermonate in Deutschland verbracht hat, erzählte mir beispielsweise von ihrer Irritation darüber, dass sie im Restaurant auf die Nachfrage nach „etwas Vegetarischem, Gemüse” (in Kenia vielleicht “greens”), nur eine überteuerte Suppe mit einer einzigen Zwiebel darin vorgesetzt bekam. Ich selbst erinnere mich noch gut an die Ankunft bei meiner ersten Gastfamilie in Nairobi. Wir waren in der Nacht davor lange in einer Bar und Isa, Lola und ich hatten nur eine halbe handvoll Schlaf, bevor wir von unserer ehemaligen Gastmama und ihrem ältesten Sohn mit dem Auto abgeholt wurden. Ich war so überflutet mit neuen Eindrücken der letzten Nacht und Nairobis Straßenbild (den vielen Marktständen und Läden, der Geschäftigkeit), dass ich mich nach der Fahrt erstmal für eine Stunde mit dem Kopf auf die Matratze gedrückt ins Bett legen musste. Es muss noch viele kleinere Momente des Kulturschocks gegeben haben, aber ich habe mich kein zweites Mal auf die gleiche Weise verausgabt gefühlt.
Neben der Erfahrung eines Kulturschocks, die von vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft geteilt wird, kenne ich auch eine spezifisch deutsche bzw. „westliche“ Überraschung. Die meisten Filme, Bücher, Lieder und Nachrichten, die ich in DE ansehe, lese, oder im Radio höre, spiegeln meine Lebensrealität. Dadurch entsteht der Eindruck einer Allgemeingültigkeit von US-amerikanischer und europäischer Popkultur. Im Februar habe ich bspw. einmal einen Freiwilligen aus der UK kennengelernt, der in der gleichen Schule wie ich damals aushalf. Er war sehr verwundert darüber, dass einige der Kinder „Romeo und Julia“ von Shakespeare nicht kannten – ist es doch aus „unserer“ (seiner und meiner) Perspektive DIE EINE Liebesgeschichte; 500 Jahre bewahrtes Kulturgut. Gleichzeitig fiel uns auf, dass wir kein einziges kenianisches Theaterstück kannten, geschweige denn eine vergleichbar alte Geschichte aus Ostafrika, lange bevor Kenia überhaupt existierte.
In meinem Projekt gibt es eine Bibliothek, in der sich die Kinder Bücher ausleihen können. Neben einigen Klassensätzen von Werken kenianischer Schriftsteller:innen stammen die meisten Bücher aus den USA oder der UK. Einmal durfte ich mithelfen, Buchspenden von „Books For Africa” zu stempeln und zu sortieren: Bücher über Pflanzen und Tiere, Weihnachten feiern mit der Familie, das Leben an der Highschool. Ich finde, es ist leicht zu übersehen, aber natürlich werden auch Geschichten über allgemein-relevante Themen aus einer bestimmten kulturellen Perspektive heraus erzählt: So sind die Kids in den meisten illustrierten Büchern weiß, ihre Namen britisch, an Weihnachten liegt Schnee. Soweit, so gut – ich liebe es, Bücher von Autor:innen unterschiedlicher Herkunft zu lesen. Seit vier Monaten lese ich einmal im Monat ein Buch aus einem afrikanischen Land, das anschließend in einem Buchclub in Nairobi diskutiert wird. So komme ich auf Bücher, die mir in DE vermutlich nicht in die Hand gefallen wären, und fühle mich dennoch (oder gerade deshalb) so unglaublich bereichert durch die neuen Schauplätze und Charaktere, die mir ihre jeweilige Kultur und Sichtweise näherbringen. Trotzdem liegt der Anteil von afrikanischen Büchern in meinem bisherigen Leseleben bei unter 5% (getippt, nicht gezählt, aber es stimmt). Manche Geschichten hören wir wieder und wieder, andere nie. Der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o setzte sich Zeit seines Lebens dafür ein, dass afrikanische Literatur afrikanische Perspektiven und Lebensrealitäten abbilden sollte: Nicht zuletzt, weil in kolonialen Bildungssystemen vor allem europäische Literatur vermittelt wird. Lesende jeden Alters brauchen Zugang zu Geschichten, in denen sie Menschen wie sich selbst und ihre Erfahrungen verarbeitet finden.
Nicht alle kulturellen Unterschiede sind so offensichtlich wie Essgewohnheiten, das Stadtbild, Medien und Sprache. Vor einigen Wochen habe ich meiner deutschen Freundin Siri am Telefon davon erzählt, dass Konflikte (bspw. in meinem Projekt) in meiner Erfahrung selten direkt angesprochen, sondern häufig erst über verschiedene Ebenen (bspw. die Projektleitung) an mich weitergetragen werden. Im Intercultural Conflict Style Model von Dr. Mitchell Hammer unterscheidet er in die vier Konfliktstile “Discussion”, “Engagement”, “Accomodation” und “Dynamic”. Siri und ich waren uns in unserem Telefongespräch einig, dass direkte Kommunikation und Ehrlichkeit am besten dazu beitragen, einen Konflikt zu lösen – gemäß dem “Discussion”-Stil. Aber auch das ist eine erlernte, kulturell-geprägte Haltung. Während Menschen aus individualistischen Kulturen (bspw. DE) ihr eigenes „Gesicht wahren”, das heißt, ihren eigenen Selbstwert schützen, indem sie sich selbst rechtfertigen, erhalten Menschen aus kollektivistischen Kulturen (bspw. viele Menschen in Kenia) eher „das Gesicht der Gruppe”. In meinem Alltag habe ich folgende Situation erlebt: Lola, Miao und ich hatten alle drei Bluetooth-Musikboxen, die wir ab und zu an die Highschoolers (die ältesten Kinder hier) verliehen haben, wenn sie in ihrem Schlafsaal Musikhören wollten. Eine der Hausmütter hat das gestört, weil die Highschoolers manchmal bis spätabends oder schon früh am Morgen laut Musik gehört haben. Das hat sie einer der Sozialarbeiterinnen erzählt, die es an das social work office weitergab, das schließlich mit dem main office sprach, in dem wir gebeten wurden, die Musikboxen nicht mehr zu teilen. Die Hausmutter hätte Lola, Miao und mich auch direkt konfrontieren können, aber dabei womöglich die Hierarchie der Organisation („das Gesicht der Gruppe”) verletzt. Es ist sicherer, eine Beschwerde erst der nächsthöheren Ebene zu melden, um keine Autorität in einen direkten Konflikt mit sich selbst zu bringen – gemäß dem “Accomodation”-Stil. Gleichzeitig sind Modelle wie das von Hammer immer nur Versuche, komplexe gesellschaftliche Realitäten einzuteilen: Es gibt keine „deutsche“ oder „kenianische“ Art der Konfliktlösung, lediglich kulturelle Tendenzen.
Ich finde es nicht immer einfach, in einem Umfeld zu leben, in dem Unzufriedenheit manchmal indirekt über Mimik oder einzelne, abstrakte Aussagen zum Ausdruck gebracht wird. Ich glaube, es verunsichert den Anteil in mir, der den Frieden um jeden Preis aufrechterhalten möchte. Aber Konflikt gehört zum Leben in Gemeinschaft dazu. “Conflict is the smallest unit of abolition”, habe ich neulich gelesen, das heißt: Wenn wir längerfristig auf eine Gesellschaft hinarbeiten wollen, die keine Polizei und Gefängnisse braucht, müssen wir selbst im Kleinen lernen, mit Wut, Streit und Regelbrüchen umzugehen – auch in unterschiedlichen kulturellen Kontexten.
Jedes Mal, wenn ich mich frage, was das eigentlich soll, und merke, das ergibt Sinn – aus eben dieser Perspektive, öffnet sich eine Knospe meines gedanklich gepflanzten Mangobaums. Sobald eine mehr kennt als nur ihre eigene Kultur, ist „normal” nur eine Frage der Gewöhnung, und, das ist mir wichtig, eine Frage der Macht. Welcher der beiden bedeutenden Schriftsteller in diesem Text wird als „Teil der Allgemeinbildung” bezeichnet, von welchem hast Du davor noch nie gehört?
Kultur selbst ist nur ein Konstrukt; eine historisch gewachsene Sammlung aus Werten, Normen und Routinen, die veränderbar sind. Mein Freiwilligendienst hilft mir dadurch auch, „deutsche” Charakteristiken und Konventionen zu hinterfragen. Nicht, weil ich auf einmal alles anders machen muss zuhause, sondern, um mich selbst von dem Gewicht bestimmter Erwartungen zu befreien.
Ich hoffe, ich konnte auch in Dir ein paar Gedanken anstoßen. Danke fürs Mitlesen und bis bald!


Karura Forest, 25.01.26
roof terrace, 29.01.26