Über Freiheit, oder: Ich bin umgezogen

Mein erstes Zuhause in Kenia war in den Eastlands Nairobis. Von dort aus habe ich alle meine bisherigen Blogs verfasst. Über das Gefühl, mit Eindrücken zu überschwemmen an meinen ersten Abenden. Dem zögerlichen Entlangtasten, Abschauen, Nachahmen. Den Herausforderungen und den Spielen und der Ruhe, der stillen See. Ich bin mir sicher, dass verschiedene Erinnerungen aus dieser Zeit noch ihren Weg in zukünftige Texte finden werden.

Am 5. März, sieben Wochen nach unserem Einzug, waren unsere Koffer und Rucksäcke wieder gepackt und Lola und ich machten uns eine zweites Mal auf die Reise, „anzukommen”. Isa, meine andere Mitfreiwillige, war schon einige Zeit zuvor zu ihrer Tante in einen anderen Stadtteil und anschließend zu einer neuen Gastfamilie gezogen. Normalerweise findet ein Freiwilligendienst nur an einem Ort statt. Aber es besteht die Option, einmal das Projekt zu wechseln, wofür wir drei uns letztendlich aus unterschiedlichen Gründen entschieden. Einen meiner Gründe möchte ich Dir heute erklären.

Das Haus meiner Gastfamilie hatte keinen Garten und es gab auch keinen Park, der in den Stunden zwischen Arbeitsende und Sonnenuntergang erreichbar gewesen wäre. So habe ich mich in Nairobi manchmal gefühlt, als würde mein Alltag nur in geschlossenen Räumen stattfinden: entweder Zuhause, in der Schule (ein Gebäude ohne Hof), in der Mall – oder dazwischen im Auto. Ich sehnte mich danach, mehr Strecken zu Fuß zu laufen und frei neue Orte für Hobbies und Freundschaften zu erkunden, was uns häufig wegen Sicherheitsbedenken untersagt wurde.

Dennoch möchte ich nicht den Eindruck vermitteln, Nairobi sei grundsätzlich eine gefährliche Stadt. Ich habe es geliebt, die Straße in die erlaubte Richtung entlangzuspazieren und an den Wochenenden mit dem Bus in die Innenstadt zu fahren, ohne mich je ängstlich oder gar bedroht zu fühlen. Gleichzeitig barg meine Unabhängigkeit immer ein gewisses Risiko für meine Gastmama, die es sich nicht verziehen hätte, wenn mir doch etwas zugestoßen wäre. Dadurch gab es Grenzen, die ich zwar empathisch nachvollziehen, aber nicht immer „nachfühlen“ konnte (bspw. wenn mein Sicherheitsempfinden sich von ihrem unterschied). Das war einerseits frustrierend, andererseits erdend: Ich bin die Neue in der Stadt und es liegt an mir, Freiheit innerhalb der Grenzen zu finden, anstatt meine Grenzzieher:innen anzuzweifeln.

Nairobi hat mir beigebracht, diese Rolle zu akzeptieren. Ich habe gelesen und gemalt, was immer ich wollte, und, wann immer möglich, Ausflüge gemacht, um mir selbst das Gefühl von Freiheit zu erhalten. Der Wunsch nach mehr Bewegung und Naturnähe ist trotzdem geblieben. Er wuchs, bis ich mir nicht mehr sicher war, ob es wirklich ein Wunsch, oder nicht eher ein Bedürfnis ist. Ich wusste: Hier ist noch nicht mein finales Zuhause in Kenia.

Es folgten Gespräche mit unserer Organisation und Gastfamilie, und schließlich der Abschied von allen Menschen, die mir in der Schule bereits so ans Herz gewachsen waren. Die letzten Nachmittage vor unserem Auszug verbrachte ich mit meinen Aquarellfarben auf dem Balkon, um ihnen kleine Bilder als kleinen Dank für eine überwältigende gemeinsame Zeit zu malen. You can take Maya out of Nairobi, but you can never take Nairobi out of Maya. If you know, you know. ❤️

(Für alle, die es nicht verstehen: Das ist eine Referenz zu der der Liedzeile “You take the man out of the city, not the city out the man“ – zu Deutsch: Man holt den Mann aus der Stadt, nicht die Stadt aus dem Mann.)

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Tja, und so kamen Lola und ich nach Ngong! Eine 100.000-Einwohner:innen-Stadt, die an den Südwesten Nairobis grenzt; ebenso laut und geschäftig, aber grüner ist als ihre Nachbarin.

Unser neues Projekt ist ein Gemeinschaftsort, der geschaffen wurde, um Kindern einen sicheren Unterschlupf zu bieten, wenn sie (temporär oder dauerhaft) nicht bei ihren Familien leben können. Neben den Schlafsälen und Aufenthaltsräumen der Kinder gibt es auf dem Projektgelände auch eine Schule, Felder, Wassertanks, eine Farm mit Kühen, Hühnern und Bienen, eine Küche, eine Bäckerei, das Gästehaus, in dem wir übernachten, und und und.

Ich könnte diesem Ort nicht gerecht werden, würde ich versuchen, ihn in diesem Text bis in seine Details zu beschreiben. Zumal ich hier gerade nicht weniger neu bin, als ich es in meinen ersten Wochen in Nairobi war, und „schwimmen“ erst lernen muss. Damit meine ich, meinen Fluss finden. Die Strömung verstehen. Treiben.

Ich möchte Dir sagen, ich finde mich gerade selbst noch zurecht. Bevor ich bald wieder mehr von den anderen und der Welt um mich herum erzählen kann.

English translation will be added.