Statement

Liebe Leser:innen meines Blogs, der folgende Text liegt mir sehr am Herzen. Ich versuche Euch an meinen Reflexionen über meinen Freiwilligendienst teilhaben zu lassen, wohl wissend, dass ich über Themen schreibe, mit denen sich manche von Euch vielleicht noch nicht viel beschäftigt haben. Es bedeutet mir die Welt, dass Ihr trotzdem mitlest! Hiermit lade ich Euch dazu ein, mir all Eure Fragen und Feedbacks über E-Mail oder WhatsApp zukommen zu lassen.


Stell Dir vor, ich hätte Dir gerade erst erzählt, dass ich vorhabe, für ein Auslandsjahr nach Kenia zu reisen. Wenn Du (wie ich) in Westeuropa oder in Nordamerika aufgewachsen bist, ploppen vor Deinem inneren Auge vielleicht sofort einige Bilder auf. Du hast womöglich keinen direkten Bezug zu Kenia, kannst es aber als Land in Afrika einordnen. Mit „Afrika“ haben wir, Du und ich, alle möglichen Assoziationen. Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie beschreibt sie in ihrem TED Talk “The Danger of a Single Story“ (verlinkt ist eine Version mit deutschen Untertiteln – ich empfehle sehr, sie sich anzuschauen).

„Wenn alles, was ich über Afrika wüsste, von den weit verbreiteten Bildern herrührte, würde auch ich denken, dass Afrika ein Ort mit schönen Landschaften, schönen Tieren und unbelehrbaren Menschen ist, die sinnlose Kriege führen, an Armut und Aids sterben, nicht imstande, für sich selbst zu sprechen.“ – Chimamanda Ngozi Adichie

Mit der Vorstellung eines armen, hilflosen Afrikas liegt der Gedanke nah, dass ich mich nur aus Selbstlosigkeit für die Reise nach Kenia entschieden haben kann. Es stimmt, dass ich im Rahmen meines Freiwilligendienstes bei einer sozialen Organisation aushelfe. Dabei finde ich mich aber viel häufiger in einer empfangenden als in einer gebenden Rolle: Ich lerne von Kenianer:innen über ihr Schulsystem und Kiswahili, wie man Chapati bäckt und die Busse in Nairobi benutzt – und so viel mehr.

Das Bild des selbstlosen Europäers, der sein Wissen großzügig mit vermeintlich ahnungslosen Afrikaner:innen teile, scheint trotzdem immer wiederzukehren – offen so benannt oder implizit bspw. in der „Entwicklungspolitik“. Es wurzelt tief im europäischen Kolonialismus.

Kolonialismus bezeichnet eine Politik, die zum Ziel hat, gewaltsam die Herrschaft über Gebiete außerhalb des eigenen Staates zu ergreifen. In den 1880er Jahren fand diese Politik beim deutschen Adel und Bürgertum zunehmend Anklang. Die Kolonisation versprach neue Ressourcen und Absatzmärkte, durch die man viel Geld gewinnen wollte. Es ergab sich nur ein moralisches Dilemma, weil es sich im aufgeklärten Europa offiziell nicht ziemte, Menschen zu entrechten und zu bestehlen.

Um zu erklären, warum man Menschen im Globalen Süden (das heißt: in den kolonisierten Gebieten) antun dürfe, was bei den Reichen in Europa verboten war, behaupteten Kolonisierende, ihre Herrschaft würde den indigenen Gesellschaften zur „Zivilisation“ verhelfen. „Zivilisation“ meinte hier: Europäische Zivilisation – Christentum, freie Marktwirtschaft, europäische Wissenssysteme. Die deutsche Regierung, die die Kolonisation förderte (insb. Bismarck, Wilhelm II.), sowie Kolonisierende (bspw. Carl Peters) bildeten sich ein, den kolonisierten Menschen überlegen und deshalb dazu bestimmt zu sein, sie im Wettstreit mit anderen europäischen Kolonialmächten (Spanien, Portugal, Niederlande, England, Frankreich, Belgien, Italien) zu beherrschen. Deutschland kolonisierte unter anderem Teile Ostafrikas, die heute zu den Staaten Tansania, Ruanda und Burundi gehören.

Wenn Du und ich heute davon ausgehen, dass ein vormals kolonisierter Staat wie Kenia ausschließlich ein Ort des Mangels ist, der sich erst noch zu einer Industrienation wie Deutschland „entwickeln“ muss, denken wir entlang einer kolonialen Hierarchie, die den Globalen Süden (kolonisierte Staaten) dem Globalen Norden (kolonisierende Staaten) unterordnet. Ich möchte nicht behaupten, dass es in Kenia keine Armut gibt. Auch will ich den Mangel an Lebensmitteln, Wasser, Wohnraum, bezahlbarer Bildung oder Arbeitsplätzen nicht verharmlosen. Es geht mir um die Art und Weise, wie ich mit meiner Familie und meinen Freund:innen über Kenia spreche und wie meine Erzählungen eingeordnet werden. Anstatt unsere Annahmen vom Anfang (Afrika sei pauschal arm und hilflos) immer wieder zu bekräftigen, können wir fragen: Welche politischen Ursachen stehen hinter Problemen in Kenia? Welche Lösungen schlagen politische Akteure und Aktivist:innen vor Ort vor? Gehen wir (unterbewusst) davon aus, dass Deutschland – Westeuropa – der Globale Norden der Maßstab für „Entwicklung“ sind? Welche Probleme gibt es in dem Land, in dem wir aufgewachsen sind; wo könnte man von Vorbildern aus Kenia – Afrika – dem Globalen Süden lernen?

Auf einem der ersten Seminare, die ich vor meinem Freiwilligendienst besucht habe, eröffnete mein damaliger Koordinator Karsten eine Einheit zu fairem Berichten mit folgenden Worten: „Jedes Bild, das ihr aus eurem Auslandsaufenthalt postet, ist ein Statement“. Er wollte damit betonen, wie mächtig Freiwillige in ihrer Rolle als Berichtende sind. Abgesehen von den Nachrichten bin ich vermutlich Deine einzige Informationsquelle aus Kenia. Ich könnte Dir Bilder vom Dach des KICC-Turms in Nairobi zeigen, um zu „beweisen“, wie hoch und eindrucksvoll das Stadtzentrum bebaut ist. Es wäre ein Kontrast zu den Naturbildern, die Du vielleicht sonst mit Kenia verbindest. Gleichzeitig würde ich damit wieder an Großstädten des Globalen Nordens als Ideal festhalten. Muss Nairobi aussehen wie New York oder Paris, um „fortschrittlich“ zu sein?

Ich möchte mir in meinen Texten die oben aufgeführten Fragen stellen, weil ich fest daran glaube, dass es letztendlich (von Vorurteilen) befreit, Hintergründe und Komplexität zu benennen.

Es bleibt dennoch eine Herausforderung, verantwortungsvoll zu berichten: Ich bin nicht vorurteilsfrei. Ich ordne meine Erfahrungen auch intuitiv in gelernte Kategorien ein und muss mich hinterfragen, austauschen und recherchieren, um über meinen Tellerrand hinauszusehen.


Ich wünsche mir, dass Du durch diesen Blog mit mir einen Blick über Deinen Tellerrand wagen kannst, er Dir Freude bereitet und Dich neugierig macht, mehr zu lernen – selbst, wenn es manchmal weh tut, sich bspw. mit dem Ausmaß der Zerstörung durch den Kolonialismus zu beschäftigen. Ich übe mich noch darin, wie ich genug Theorie in meine Texte einbette, um den Kontext verständlich zu machen, ohne Dich zu langweilen.

Danke, dass Du da bist, und mich auf meiner Reise begleitest! 💞

English translation will be added.