Nachdenken über Religion
Ich falte meine Hände und senke den Kopf. Mir ist, als betrete eine fremde Rednerin die Bühne. Das Murmeln meiner Gedanken erstummt sowie sie nach dem Mikrofon greift, ihre Stimme ein Summen, Quellwasser, von überirdischem Ursprung. „Lieber Gott”, flüstere ich und weiß nichts weiter zu sagen, was sich nicht steif, unauthentisch, nachgeahmt anfühlen würde.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich verunsichert darüber bin, wie ich beten soll. Ganz zu Beginn meiner Zeit im Shelter kamen einige Referent:innen von außerhalb, um einen Workshop über emotionale Intelligenz zu geben. Ich war, obgleich erst seit Kurzem im Projekt, eingeladen mitzumachen, und reihte mich im girls dorm zwischen den Shelter-Mitarbeitenden ein. Vor dem Mittagessen wurde eine Person gesucht, die für die Runde beten möge, und die Wahl der leitenden Referentin fiel auf mich. Es war wieder so ein Moment, in dem es ganz still wurde im Raum, und eine sich fühlte, als sei die Luft zu zäh zum Sprechen. “I don't know how”, gab ich schließlich zu: Ich weiß nicht, wie.
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Sonntags gehe ich mit allen anderen zum Gottesdienst in die big hall, unsere große Halle mit dem Spitzgewölbe.
Aus der evangelischen Kirche zuhause kenne ich stille Gottesdienste, in denen nur vom Altar aus gesprochen und gepredigt wird. Der Chor steht geduckt, die aufgeschlagenen Gesangbücher mit beiden Händen umfassend, und singt wie eine Klage, die in jedem Orgelton neu ausholt. Ich verbinde diese Gottesdienste mit einem flauen Gefühl im Bauch, als würde die versammelte Kirchgemeinde um Vergebung flehen, für eine Sünde, die tiefer reicht als Sprache. Mit Ausnahme der Weihnachtsgottesdienste: die fühlen sich warm und hoffnungsvoll an, vielleicht durch das Krippenspiel, oder, weil wir Jesus' Geburtstag feiern.
Die sonntäglichen Gottesdienste im Shelter folgen den Traditionen der Pfingstkirche. Anstatt im Stillen zu beten, sprechen die Menschen “in tongues”, das heißt, es hört sich an, als würde ein unverständliches Raunen durch das Gebäude wandern: Gebete in der Sprache des Heiligen Geistes, die nur Gott selbst deuten kann. Die Kinder, die Teil der “Praise and Worship”-Gruppe sind, singen fast jede Woche neue Lieder auf Kiswahili und Englisch, die von einem Keyboard und dem Schlagzeug begleitet werden. Es sind häufig Call & Response Lieder, bei denen erst eine Person vorsingt („ruft”) und der Rest des Chores anschließend „antwortet”. Laute, ekstatische Lieder, die vor allem zelebrieren, dass Gottes Vergebung durch Jesus keine Frage, sondern eine Sicherheit ist.
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Obwohl ich christlich getauft und konfirmiert bin, fällt es mir schwer, eine Verbindung zu den Psalmen und Bibelgeschichten zu spüren, wenn sie in den Predigten vorgetragen werden. Es ist wie mit dem Beten: Manchmal gibt es Anteile in mir, die sich von der Religiosität angesprochen fühlen.
Einmal saß ich Freitagnacht zur Kesha (gemeinsames Beten, Bibellesen, Lieder einüben) mit geschlossenen Augen im Schneidersitz in der big hall, umgeben von den Kindern, Lola und dem Musiklehrer, der leise auf dem Keyboard spielte, und war ganz kurz davor zu weinen. So heilig fühlte sich unser Zusammensein an, wie eine energetische Vereinigung.
Gleichzeitig spüre ich in mir Widerstände, wenn in der Foundation Class (Religionsunterricht) bspw. über Sünde gesprochen wird. Ich folge lieber meiner Intuition statt vorgeprägten Ritualen und Grundsätzen; ich mag es nicht, mir etwas vorschreiben zu lassen, nicht Mal von Gott.
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Am nächsten fühle ich mich dieser Intuition, meiner inneren Rednerin, dem Anteil meines Bewusstseins, der mich an den Heiligen Geist aus der Bibel erinnert, wenn ich in der Natur bin. Es ist eine irreführende Formulierung, „in der Natur sein”, als würde ich nicht dazugehören. Barfuß, mit roten Erdkrümeln unter meinen Fingern, den Kopf in den Himmel gestreckt, weiß ich, intuitiv und unbestreitbar, dass ich einen Sinn in der Welt habe. Wer, wenn nicht ich, sieht sonst genau diese Form in den Wolken, verbindet sie mit derselben Erinnerung, schreibt das gleiche Gedicht?
Es ist die gleiche Sicherheit, mit der ich in schwierigen Momenten weiß, was ich mir Gutes tun kann, oder, dass es vorübergehen wird. Meine Superkraft ist eine unversiegbare Quelle der Kreativität und Orientierung, die alle ängstlichen, traurigen und panischen Gedanken beruhigt und begleitet. Mein comforter, counselor, helper, intercessor, teacher, strengthener und standby.
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Es ist paradox: Ich mache Erfahrungen, die mich einerseits von den rigiden Vorstellungen des konservativen Christentums distanzieren, und andererseits dazu beitragen, dass ich in meiner Spiritualität wachse.
Ich glaube nicht daran, dass mein Körper und seine Sehnsüchte sündhaft sind, oder, dass ich mich zu Jesus bekennen muss, um erlöst (wiedergeboren) zu werden.
Aber ich glaube an das Wirken von Religion in meinem Alltag; bewundere ihre heilsame Kraft für kranke, müde und hoffnungslose Menschen.
In Nairobi gab es vor einigen Wochen Demonstrationen gegen die gestiegenen Ölpreise, bei denen viele junge Protestierende von der Polizei erschossen wurden. Das ist furchtbar! Ich bin die letzte Person, die glaubt, dass es „reicht”, für die ermordeten Menschen zu beten, oder, dass Religion ein Ersatz für politischen Aktivismus ist. Was ist aber, wenn wir wirklich manchmal „nichts machen können”?
Ist dann Gebet, Gemeinschaft, Gedenken, nicht einfach der Versuch, Würde wiederherzustellen?
Ein Widerstand gegen die harte und gewaltvolle Front, welche es am liebsten hätte, wenn wir die Menschlichkeit von einander zugunsten ihres Profits vergessen würden.
„Lieber Gott, ich nenne dich meist nicht so und hab festgestellt, dass ich nur sehr begrenzt an die Bibel glaube. Aber ich verspreche dir, diese Welt ist mein größter Schatz. Ich werde sie so gut beschützen, wie ich nur kann, denn wer, wenn nicht ich, wird das auf meine Weise tun?”