Arbeit

Alle arbeiten mit. Entweder hocken und sitzen wir, um die Blätter und Wurzeln abzuschneiden, oder wir knien daneben, lesen die Knollen auf und füllen sie in Netzsäcke. Meine Augen tränen ein bisschen und ich sehe einen Moment nach oben, blinzele sie weg. Ich stelle mir vor, wie der Zwiebelgeruch in der Halle emporklettert und bis ganz hoch ins Spitzgewölbe reicht. Am Abend wird Lola bemerken, wie hartnäckig er in ihrer Kleidung steckt und noch am nächsten Morgen einzelne Schalen aus den hochgekrempelten Jeansbeinen schütteln. Arbeit begleitet uns (rund um die Uhr, in Gedanken, im Körper, sichtbar oder nicht).

In diesem Blogeintrag reflektiere ich über mein Verständnis von Arbeit und frage mich, „was Arbeit eigentlich ist“. Gleichzeitig möchte ich Dich einladen, ein wenig an meinem Alltag teilzuhaben und mitzunehmen, was Du selbst darin findest.


Unsere Arbeitszeit ist 9.00 bis 16.00 Uhr von Montag bis Freitag, mit einer Teepause um 10.30 Uhr und einer Mittagspause um 13.00 Uhr. Ich habe fertig gefrühstückt und mache mich auf zur Bäckerei, in der ich gerade positioniert bin. Donnerstag, ein paar Minuten nach neun: Die Bäckerin T. sitzt auf der Bank vor der Schulküche und winkt mir entgegen. Ich laufe erfreut auf sie zu, wundere mich aber ein wenig, sie hier und nicht in der Bäckerei nebenan zu treffen. „No buns today”, erklärt sie mir. Verdutzt hake ich noch einmal nach. Wie meinst du das, keine Brötchen heute? Sie muss über meine Frage lachen. Wir backen heute keine Brötchen, weil wir genügend vom Vortag übrig haben. Ist das so schwer zu verstehen?

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S. ist ein halbes Jahr vor mir, gleich nach ihrem Schulabschluss im letzten August nach Kenia gekommen. Wir spazieren entlang der Straße in Ngong Town, in der ihre Arbeitsstelle liegt, und reichen uns derweilen einen Plastikbecher mit dickem Fruchtsaft hin und her. Er schmeckt nach einer Mischung aus Mango und roter Beete. Während ich noch ein bisschen mehr umrühre, erzählt mir S. von der Vorschulklasse, in der sie aushilft. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mit Kindern im selben Alter an einer anderen Schule gearbeitet und gleiche deshalb unwillkürlich in Gedanken ab: Ist das bei uns auch so? Kann ich nachfühlen, was sie sagt? Habe ich die gleiche Meinung darüber? Manchmal überlappt sich Erlebtes, wird von ihr und mir aber unterschiedlich empfunden und interpretiert: Ich schreibe niemals objektiv (über „Arbeit in Kenia“), sondern immer über mich (meine Prägung, meine Reflektion, meine Ideale). Nachdenklich wiege ich den Kopf und ziehe einen neuen Schluck Saft durch den Strohhalm.

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Meist wache ich schon gegen 7.30 Uhr auf und genieße es, noch eine Weile im Bett schlummern zu können, bevor ich gegen acht richtig Hunger aufs Frühstück bekomme. Lola und ich essen dann zusammen im Gemeinschaftszimmer des Gästehauses. Wir können uns, wie zu jeder Mahlzeit, an einen gedeckten Tisch setzen, weil die Köchin M. und die anderen Frauen, die in der kleinen Küche arbeiten, uns vollends umsorgen. Ich habe das Gefühl, dass die meiste Arbeit, die für mich geleistet wird, für Außenstehende unsichtbar bleibt, weil sie nicht in das Bild einer Freiwilligen als immerzu gebenden Helferin passt.

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Kartoffelschalen rieseln auf die Netzsäcke, der längs vor der Bank aneinandergereiht wurden. Wenn ich fertig geschält habe, teile ich die Kartoffel in meiner Hand in zwei und werfe die beiden Hälften zum Waschen in einen mit Wasser gefüllten Topf vor uns. Ich greife nach der nächsten vom Boden. Rechts neben mir sitzen einige der älteren Schülerinnen von der high school, die für ihre Aprilferien nachhause gekommen sind. Außerdem: K., der gerne mit Lola scherzt und den Schulbus fährt, und der Koch der großen Küche – E. Ich erzähle den Mädchen, warum ich letztes Jahr meine Haare geschnitten habe und sie nun wieder wachsen lasse. Einige von ihnen wissen schon, welche Kurse sie an der Uni belegen wollen, und berichten mir davon. Wir sind an einem sehr ähnlichen Punkt in unseren Leben, und doch fühlt es sich an, als hätte ich mich mit diesem Jahr auf eine side quest begeben und meinem beruflichen Werdegang (aus Schule – Uni – Arbeit) vorübergehend entzogen. Ich darf mir Zeit lassen, denke ich, und schäle eine herzförmige Kartoffel ganz langsam; bedacht, möglichst wenig der Frucht zu verschwenden.

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Links neben mir sitzt Yaya, Lola uns gegenüber auf der anderen Tischseite. Wir tratschen ausgelassen über die lästigsten Politiker unserer Herkunftsländer und vergessen darüber beinahe unser Abendessen, welches in drei Thermotöpfen auf der Mitte des Tisches wartet. Yaya wird für anderthalb Monate in Kenia reisen, bevor sie zuhause im Taiwan einen neuen Job anfängt, und von nun an vier Wochen mit Lola und mir wohnen. Später lerne ich, dass sie Business studiert hat und deshalb gemeinsam mit einer unserer Projektleiterinnen ein Marketingkonzept für den Verkauf der Milch und des Honigs entwerfen möchte, die nach der Ausgabe an die Kinder überflüssig sind. Yaya geht gedanklich die nächsten Tage durch: Wann wäre ein guter Zeitpunkt, um sich diesbezüglich zu besprechen, mitten im Trubel vor dem Ferienbeginn? Lola und ich tauschen einen Blick. Obwohl wir anfangs für die Arbeit in der Bäckerei eingeteilt wurden, können unsere Aufgaben und unsere Arbeitszeit jeden Tag unterschiedlich sein, weil sie keiner schedule (keinem Zeitplan) folgen, sondern in Orientierung an den Bedürfnissen der Gemeinschaft stetig neu ausgehandelt werden. Ein „guter Zeitpunkt“ ist nicht unbedingt eine fixe Uhrzeit, sondern er entsteht: im Lauf der Dinge, im Dialog.

Selbstverständlich sind unsere Erfahrungen nicht zu verallgemeinern. Eine kenianische CEO wie Rita Kimani oder Peris Muchiri (die Gründerinnen des Tech-Unternehmens FarmDrive) hat gewiss einen durchgetakteten Berufsalltag. Der kapitalistische Drill lautet in Nairobi wie in Berlin: Arbeite mehr. Wenn das nicht geht, arbeite effizienter. Dann: Arbeite mehr. Nicht: Arbeite (genug), um die Gemeinschaft zu versorgen, während du gleichzeitig einen verantwortungsvollen, gerechten und nachhaltigen Umgang mit ihren Ressourcen pflegst.

FarmDrive ist in diesem Kontext ein sehr gemeinwohlorientiertes Beispiel: die von Kimani und Muchiri entwickelte Software wirkt als digitale Brücke zwischen Landwirt:innen und Finanzinstituten und ermöglicht dadurch über 50 Millionen Kleinbetrieben in Afrika den Zugang zu Krediten (Quelle, l.Z.: 28.04.26).

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Was bleibt Dir von Arbeit, rund um die Uhr, in Gedanken, im Körper, sichtbar oder nicht?

Aus meiner Selbsterfahrung als Schülerin und der Beobachtung von erwerbsarbeitenden Menschen in meinem Umfeld (wie bspw. meinen Eltern, meiner Oma) heraus, würde ich antworten: ein Pflichtgefühl.

Mit der Arbeitserfahrung, die ich in meinem Projekt sammeln darf, würde ich hinzufügen, dass ich Arbeit als eine Wertschätzung unserer Mitmenschen empfinde, nicht bloße Wertschöpfung von Ressourcen. Etwas tief Verbindendes, dessen Wert über den des Ertrags hinausreicht, und, eine Chance, etwas voneinander oder über sich selbst zu lernen.

Ich würde einen Blogeintrag schreiben, in dem ich ein wenig dieses neuen Gefühls einfange. Einer Achtsamkeit, einer Erdung. Der wunderbaren Genugtuung, dass mit mir etwas erwächst: eine Mahlzeit, ein Miteinander, ein aufrichtiger junger Mensch.

Ich würde damit enden, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben verstehen kann, warum meine Mama Gartenarbeit so sehr liebt. ❤️

English translation below

Everyone participates. We're either squatting or sitting, cutting off the leaves and roots, or kneeling beside them, picking up the bulbs and filling them into mesh bags. My eyes water a little, and I glance upwards for a moment, blinking them away. I imagine the smell of onions rising up the hall, reaching all the way to the vaulted ceiling. In the evening, Lola will notice how stubbornly it clings to her clothes, and even the next morning she'll be shaking individual peels out of her rolled-up jeans. Work accompanies us (around the clock, in our thoughts, in our bodies, visibly or not).

In this blog post, I reflect on my understanding of work and ask myself, “What is work, really?” At the same time, I'd like to share a little of my daily life. You are invited to take away whatever it might be you find in it.


Our working hours are 9:00 a.m. to 4:00 p.m., Monday to Friday, with a tea break at 10:30 a.m. and a lunch break at 1:00 p.m. I've finished breakfast and am heading to the bakery where I'm currently working. Thursday, a few minutes after nine: The baker, Ms. T., is sitting on the bench in front of the school kitchen and waves at me. I happily walk over to her, but I'm a little surprised, too, to find her here and not at the bakery next door. “No buns today,” she explains. Puzzled, I ask again. What do you mean, no buns today? She laughs at my question. We're not baking buns today because we have plenty left over from yesterday. Is that so hard to understand?

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S. arrived in Kenya six months before me, right after graduating from high school last August. We stroll along the street in Ngong Town where she works, passing a plastic cup filled with thick fruit juice back and forth. It tastes like a mixture of mango and beetroot. While I stir it a little more, S. tells me about the preschool class where she's helping out. At the time, I was working with children of the same age at another school, so I involuntarily start comparing our experiences: Is it the same at my school? Can I relate to what she's saying? Do I share her opinion? Sometimes experiences overlap, but she and I perceive and interpret them differently: I never write objectively (about “working in Kenya”), but always about myself (my background, my reflections, my ideals). Thoughtfully, I nod my head and take another sip of juice through the straw.

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I usually wake up around 7:30 a.m. and enjoy being able to slumber in bed for a while before I get really hungry for breakfast around 8:00 a.m. Lola and I then eat together in the common room of the guesthouse. As with every meal, we can sit down at a set table because the cook, M., and the other women who work in the small kitchen take such good care of us. I have the feeling that most of the work done for me remains invisible to outsiders because it doesn't fit the image of a volunteer as a constantly giving helper.

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Potato peels trickle onto the mesh bags lined up lengthwise in front of the bench. When I've finished peeling, I split the potato in my hand and toss the two halves into a pot of cleaning water in front of us. I grab the next one from the floor. Some older girls from high school are sitting to my right, the ones who have come home for their April break. Also there are K., who likes to joke around with Lola and drives the school bus, and the cook from the main kitchen—E. I tell the girls why I cut my hair last year and am now growing it out again. Some of them already know which courses they want to take at university and tell me about them. We're at a very similar point in our lives, and yet it feels as if I've embarked on a side quest this year, temporarily stepping away from my career path (school-university-work). I can take my time, I think, and peel a heart-shaped potato very slowly; mindful of wasting as little of the fruit as possible.

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To my left sits Yaya, with Lola across the table from us. We chat laughingly about the most annoying politicians from our home countries and almost forget about our dinner, which is waiting in three thermoses in the middle of the table. Yaya will be traveling in Kenya for a month and a half before starting a new job back home in Taiwan, and will be staying with Lola and me for the next four weeks. Later, I learn that she studied business and therefore wants to develop a marketing concept with one of our project managers for selling the milk and honey that will be surplus after being given to the children. Yaya mentally runs through the next few days: When would be a good time to discuss this, amidst the hustle and bustle before the holidays begin? Lola and I exchange a glance. Although we were initially assigned to work in the bakery, our tasks and working hours can vary from day to day because they don't follow a schedule but are constantly renegotiated based on the needs of the community. A “good time” isn't necessarily a fixed time; it emerges organically, through dialogue.

Of course, our experiences can't be generalized. A Kenyan CEO like Rita Kimani or Peris Muchiri (the founders of the tech company FarmDrive) certainly has a highly structured workday. The capitalist drill in Nairobi, as in Berlin, is: Work more. If that's not possible, work more efficiently. Then: Work more.

Not: Work (enough) to provide for the community while simultaneously managing its resources responsibly, fairly, and sustainably.

FarmDrive is a very socially responsible example in this context: the software developed by Kimani and Muchiri acts as a digital bridge between farmers and financial institutions, thereby enabling over 50 million smallholder farms in Africa to access credit (Source, accessed April 28, 2026).

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What remains of your work, around the clock, in your thoughts, in your body, visible or not?

Based on my own experience as a student and observing working people around me (such as my parents and my grandmother), I would answer: a sense of duty.

With the work experience I'm gaining on my project, I would add that I see work as an act of appreciation for our fellow human beings, not merely the exploitation of resources. It's something deeply connecting, its value transcending mere output, and an opportunity to learn from one another or about ourselves.

I would write a blog post capturing a bit of this new feeling. A sense of mindfulness, a grounding. The wonderful satisfaction of seeing something grow with me: a meal, a connection, a genuine young person.

I would end by saying that for the first time in my life, I understand why my mom loves gardening so much. ❤️