Unbubble!

Alle leben weitestgehend, wenn sie es sich aussuchen können, in ihren Bubbles. Ich muss spontan an das Buch „Bubble” von Siri Pettersen denken, in dem Kine in eine riesige Kugel verschwindet, wann immer sie der Außenwelt entfliehen möchte. Denn genauso ist es: Unsere Bubbles sind, wohin wir gehen, um uns dem wertenden Blick „Anderer” zu entziehen; wo wir einblenden, statt herauszustechen. Ich liebe meine Bubble, das heißt, mein selbstgewähltes Umfeld, meine Freund:innen und Vorbilder. Natürlich bleibt jede Person einzigartig und ich würde nicht sagen, dass sich alle Menschen in meiner Bubble ähneln, doch die meisten von ihnen teilen bestimmte Werte wie Klimaschutz, Antirassismus, queere Rechte und mentale Gesundheit. Ich verschließe mich nicht davor, Gespräche mit Menschen anzufangen, die anderer Meinung sind. Aber ich entscheide mich selten, außergewöhnlich viel Zeit mit ihnen zu verbringen.

Du kannst dir also vorstellen, dass es keine geringe „Unbubble”-Erfahrung für mich war, mit einer Person zusammenzuziehen, mit der ich bei der ersten Begegnung gar nichts anfangen konnte. Als ich Lola im November 2025 auf unserem Vorbereitungsseminar in Thüringen kennenlernte, fand ich sie zwar nicht unfreundlich, aber dachte schon, dass wir nicht so richtig zusammenpassen würden. Manchmal entsteht diese Intuition auf Basis eigentlich absurder Details: Lola wirkte irgendwie „zu cool” für mich, als sei ihr Lebenstil ganz anders als meiner, und daraus schloss ich dann, dass wir vermutlich auch persönlich wenig gemein haben würden. Es kann die Ausstrahlung einer Person sein, ihr Kleidungsstil, ihre Hobbies und Präferenzen, die Gesprächsthemen, oder nur ihre Art zu sprechen: Gendert eine Person, benutzt sie Jugendsprache, oder sogar bestimmte Begriffe, die zu einer Bubble gehören?

Dazu gibt es eine Anekdote aus unserem Alltag, die ich Dir nicht vorenthalten möchte. Ich nenne meine Motivsocken mit Wassermelonen drauf ganz selbstverständlich „Pali-Soli-Socken” – kurz für Palästina-Solidaritäts-Socken – weil die Wassermelone ein Widerstandssymbol gegen die ausländische Besatzung in palästinensischen Gebieten ist. Immer wenn Lola mich aber von meinen „Pali-Soli-Socken” reden hörte, dachte sie, dass ich mit „Soli” Solarium meinen würde. Was sie wiederum sehr verwirrend fand, weil sie mich gar nicht als eine Person eingeschätzt hätte, die ins Solarium geht. (Und, Punkt für sie, ich war wirklich noch nie in einem Solarium.)

Letztendlich gibt es eine lange Liste von Eigenschaften, die uns Hinweise darauf geben, mit was für einer „Art Person” wir es zu tun haben. Das gilt nicht nur für meine Generation, die das Wort „Bubble” dafür verwendet. Gleichzeitig habe ich, unter anderem dank Lola, die Erfahrung gemacht, wie sehr uns erste Eindrücke täuschen können und wie stark unsere Intuition durch Klischees und Vorurteile geprägt ist.

“It's incredibly easy to perceive the world as we expect to perceive it.” Dt.: Es ist unglaublich einfach, die Welt so wahrzunehmen, wie wir erwarten, sie wahrzunehmen. (Aus “Returning Home to Our Bodies” von Abigail Rose Clarke)

Es stimmt, ich habe mit Lola nicht die gleichen Gespräche wie mit anderen Freund:innen, die mit mir auf Demos gehen und dieselben Bücher lesen wie ich, aber wir haben ebenso interessante Gespräche. Und, wir haben andere Ebenen gefunden, auf denen wir uns verbunden fühlen, „einer Wellenlänge sind”, vielleicht sogar: in einer gemeinsamen Bubble. Ugh Lola, mit nur wenigen Menschen kann ich so oft, laut und ausgelassen lachen wie mit dir. Ich liebe es, all dein boy-drama zu hören, wenn du mir die Haare flechtest, dass ich deine Kleidung leihen darf, wie wir über Gott und Feminismus streiten und uns nicht immer einigen, aber ich lowkey highkey immer etwas von dir lerne. Unterschätze niemals die Macht eines geteilten Zimmers in einem neuen Land für 6+ Monate. Wie nah es dich einem Menschen bringt, eine neue Kultur gemeinsam zu erleben, neue Herausforderungen gemeinsam zu bestehen.

An dieser Stelle möchte ich ergänzen, dass meine „Unbubble”-Erfahrung auch deshalb so positiv ist, weil ich mit Lola in Wirklichkeit keinen vollkommen gegenteiligen Menschen getroffen habe. Lola ist es nicht so wichtig, politisch korrekt zu sein, aber Rassismus findet sie trotzdem scheiße – und spricht sich dagegen aus, wenn er ihr begegnet. Sie ist respektvoll gegenüber Menschen, auch wenn sie deren Identität nicht versteht. Das ist gut und es ist wichtig, weil es durchaus rote Linien gibt, die für mich zumindest in einer Freundschaft unverhandelbar sind. Ich kann mit Menschen sprechen, die rassistisch, uneinsichtig und diskriminierend sind, weil sich ihr Hass (meist) nicht gegen mich richtet, aber Freund:innen werden wir dadurch mit Sicherheit nicht.

Dennoch lehren mich meine Beziehungen in Kenia, dass es häufig kein eindeutiges „gut” oder „schlecht”, sondern unzählige Graustufen gibt, in denen uns Menschen begegnen. Damit umzugehen, erfordert Skills: Wir müssen Unterschiede aushalten lernen, Missverständnisse behutsam adressieren, auf Augenhöhe streiten und einander vergeben. Vor allem muss ich ab und zu die unbestreitbare Gemütlichkeit meiner Bubble verlassen und mich der Außenwelt stellen, im Vertrauen, dass da noch zukünftige Freund:innen auf mich warten.

Auch solche, die ich nicht auf den ersten Blick erkenne. xx <3

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